V8-Geboller in Berlin
5. Deutsche Scalextric-NASCAR-Meisterschaft
Jugend forsch

Zu einer alljährlichen festen Größe im nationalen Rennkalender entwickelt, schrieb Veranstalter Roland Amerell auch für 2008 wieder einer Deutsche Meisterschaft mit den V8-Nudeltopfboliden im Kleinformat aus. Mitte Mai, genauer gesagt vom 16. bis 18., wurde ein Termin gefunden, welcher passenderweise zwischen den 2 anderen Higlights DPM und der WM in Brühl lag. Als Austragungsort wurde mit dem Euro-Race-Center in Berlin erstmals der Osten der Republik gewählt, nachdem in den vergangenen 4 Jahren mit Minden (NRW), Siegen (NRW), Schwaig (BY) und Kassel (HE) im Westen, Süden und der Mitte gerannt wurde. Dieses großzügig ausgestattete Renncenter mit einer knapp 60m langen sechsspurigen Holzbahn sollte beste Voraussetzungen für spannende Rennen gewähren. Eine gute Wahl, welche sich zunächst nicht ganz so darstellen sollte. Gerüchte von einer extrem schwierig zu fahrenden, da nicht einsehbaren Kurvenpassage machten die Runde...

Während in den vergangenen Jahren sich die Teilnehmer über interne Clubmeisterschaften für das deutschlandweite Finale qualifizieren mußten oder in den Genuß einer Wildcard kamen, so stellte die diesjährige DSNM einen Mix aus dem bekannten Verfahren und einem Einladungsrennen dar. Die Clubs aus Kassel, Anklam, Leipzig und Ebersberg schickten die jeweils besten ihrer Zunft, die Starter aus Frankfurt und Berlin nahmen die freundliche Einladung des Urbayern Roland "Rolli" Amerell nur zu gern an.
Ein wenig bedauerlich ist es natürlich schon, das bedingt durch diverse Querelen der Vergangenheit diese Veranstaltung nicht besser frequentiert wird. Ein Starterfeld von 22 Fahrern läßt sich etwas mager an... ketzerisch gesehen bedeutet es aber für den einzelnen ein Plus an Trainingszeit. Nicht ganz unbedeutend scheint auch die Modellpolitik des Hauses Scalextric zu sein. Angekündigte Neuheiten wurden storniert und die Ersatzteilversorgung ließ teilweise zu wünschen übrig. Immerhin fand auch dieses Rennen wieder back to the roots in Form des seriennahen Reglements, welches von seiner Urform im wesentlichen nur in der Reifenfrage abweicht. Die 2006 in Schwaig bei Nürnberg mit den hochpreisigen Tuningteilen durchgeführte DM war diesbezüglich ein Fehlschlag. Welcher sicherlich ebenfalls einen Teil des traditionellen Starterfeldes kostete. Der 2007 in Kassel wieder eingeschlagene Weg weitesgehend mit Originalteilen zu fahren stellt mit Sicherheit die bessere Lösung dar...

Der Autor dieser Zeilen gehörte jener dreiköpfigen Delegation aus der Mainmetropole an, welche sich am frühen Samstagmorgen auf den weiten Weg nach Spandau machte. Allein das Benzingeflüster einer solchen Reise macht vieles wett und nachdem kurz vor dem Ziel auch noch über die altehrwürdige AVUS gedonnert wurde, war bei allen Insassen das Rennfieber ausgebrochen.
Pünktlich angekommen gab es erstmal ein großes Hallo, als man die vielen altbekannten Gesichter der Vorjahre wiedererkannte. "Hast zugenommen, gell!" oder ähnliche Sprüche waren zu vernehmen. Eine erste Begutachtung des vom jungen Betreiberpärchen Silvia Haffner und Christoph Hameister geführten Renncenter brachte anerkennende Aussagen über die Räumlichkeiten und die Vielzahl der Rennstrecken zutage. Ausreichend Schrauberplätze waren jedenfalls vorhanden, ein nett eingerichteter Bistrobereich mit typisch Berliner Küche (Nee, die Currywurst fehlte...), alles war ordentlich und gepflegt... ein würdiger Rahmen für eine solche Veranstaltung. 

Der erste Blick auf die Rennstrecke ergab viele grübelnde Gesichter, die 180°-Rechts mit dem folgenden Linksknick unter der Brücke ist nicht ohne. Noch dazu ist diese Passage für Einsetzer schwer erreichbar. Und da durch diverse Rennen mit moosgummibereiften Boliden der Gripp der vorgeschriebenen Ortmann-Reifen sehr hoch war, stand einiges an Schwerstarbeit zu befürchten. Allgemein ist der Kurs als recht anspruchsvoll zu bezeichnen. Eine Vielzahl unterschiedlichster Kurven wechselte sich mit mehreren langen Geraden ab, auf alle Fälle bietet die Bahn eine Menge Fahrspaß. 
Jedenfalls wurde die Piste sofort fleißig in Beschlag genommen, jede mögliche Trainingseinheit wurde genutzt. Und danach wieder an der Trimmung gearbeitet. Wie treibt man den bloß den hochbauenden Amischlitten diese Tendenz zum Kippen aus??? Alle möglichen Varianten wurden probiert. Blei nach vorn, Blei nach außen, Blei nach hinten... Aus der Tüte heraus hatten die Reifen Längsrillen... auch die ungeschliffene Besohlung wurde probiert. Funktionierte anfangs recht gut, nur irgendwann baute sich auch bei diesen starker Gripp auf. Den Vogel schoß Harald Mieth ab, der den Versuch startete, mit auf halbe Breite reduzierter Lauffläche seinem Ford Taurus ein harmonischeres Fahrverhalten beizubringen. Pustekuchen... der Kollege aus dem Frankfurter Stadtteil Griesheim setzte danach weiterhin einen bei ihm selten gesehenen ratlosen Blick auf.
Immer wieder der Blick auch auf den Bildschirm: Rundenzeiten unter 15sek versprachen eine vordere Plazierung, jedenfalls waren diese recht selten und nur von 3 oder 4 Fahrern erreicht wurden. Ein junger Leipziger mit seinem vom großen gelben "M" gesponserten Taurus sorgte mit seinen Trainingszeiten für anerkennendes Raunen im Saal... ein Topfavorit kristallisierte sich heraus. Hoffentlich sollte er nicht wie in den Vorjahren von einer Pechsträhne heimgesucht werden...

Irgendwann hat aber jedes freie Training ein Ende. "Rolli" bat zur technischen Abnahme, welche von Andrè Müller, Tobias Münchberger, Frank Schüler und vielen ironischen Sprüchen vollzogen wurde. 2 Damen und 20 Herren wollten ihre Autos abgenommen wissen. Und wenn dann z.B. eine der Damen den schwersten Wagen vorführt, bleiben "dumme" Witze nicht aus. Das Reglement machte die Abnahmeprozedur recht einfach. Kontrolliert wurden u.a. Spurweite (Durfte max. 62mm betragen), die Auflage der Vorderräder, gewisse "Innereien" und für's Protokoll das nicht vorgeschriebene Gesamtgewicht. Und das schwankte enorm. Am leichtesten war eines der Schwergewichte im Fahrerfeld. Der mit einer weiteren unkonventionellen Art der Bereifung an den Start geschobene Taurus von Harald Mieth brachte lediglich 104g auf die Waage. Dem entgegen stand der Ford der zierlichen Leipzigerin Theresia Walzog mit vollgepacktem Kofferraum auf der Waage. Fast 136g bedeuteten das Ende der Fahnenstange. Der Großteil des Feldes schien mit ca. 120g den Mittelweg zu probieren... jedenfalls sollte sich kein Patentrezept für diese Wagen auf diesem Kurs finden. Es führen halt viele Wege nach Rom. Erstaunlicherweise gab es niemanden, der "nachsitzen" mußte, was für das Teilnehmerfeld spricht. Ein wenig Kopfzerbrechen verursachte die Modifikation der Bereifung am Wagen von Harald Mieth. Der alte Fuchs hatte die Reifen dergestalt nachbearbeitet, das er die vollen 62mm Spurweite ohne Abziehen der empfindlichen Felgen erreichte. Aber auch hier war alles legal und so konnte zur Zufriedenheit der techn. Kommissare die Abnahme zügig beendet werden.
Als eindeutig stärkste Macht im Starterfeld war der Ford Taurus der letzten Produktion auszumachen. Nur vereinzelt traf man auf alte und neue Chevrolet Monte Carlo oder Ford. Wenn man bedenkt, wie bunt ein NASCAR-Rennen in 1:1 ist, kann man sich beim Anblick der vielen schwarzen und gelben V8-Geschosse schon nachdenklich den Kopf kratzen...

Mehr als überpünktlich ging es dann in die Qualifikation. 4 Gruppen trugen je ein 6x1min kurzes Sprintrennen aus. Nach einem kleineren Problemchen mit der Zeitnahme, die sich partout nicht mit nur 5 Startern begnügen wollte, konnten bereits bei der ersten Gruppe die Schwierigkeiten mit der besagten Kurvenpassage beobachtet werden. Häufige Chaosphasen waren die Folge des hohen Gripps der Bahn verbunden mit dem nicht einsehbaren Streckenteil. Fehlerfreies Fahren mit etwas reduziertem Tempo war das beste Mittel, um sich einen vorderen Startplatz zu sichern. In den weiteren Gruppen nahm die Fehlerhäufigkeit ein wenig ab, die Kollegen hatten von ihren "Vorfahrern" gelernt und sich dementsprechend zurückhaltend auf der Piste bewegt. 
Die Quali zeigte, das der Favoritenstatus des jungen Leipzigers nicht von ungefähr kam: Mit einem knappen Vorsprung setzte sich der 17jährige Robert Pannicke gegen die erfahrenen Haudegen Matthias Eichwald (Frankfurt) und René Kasch durch.
Die Einteilung der Startgruppen brachte Voraussetzungen für spannende "Rennen im Rennen" mit sich. So sollten die beiden Junioren Rik Lachmann und Joshua Knobloch genauso in einer Gruppe gegeneinander antreten wie die beiden Damen Rita Kasch und Theresia Walzog. Mit Robert Pannicke und Tobias Münchberger sollten sich 2 Protagonisten in der schnellsten Gruppe duellieren, welche bei der kurz zuvor stattgefundenen Deutschen PlaFit-Meisterschaft schon für Aufsehen gesorgt hatten.
Und auch unsere beiden Berliner Starter mußten gegeneinander ran...
Abschließend gab es noch eine nette Geste seitens Roland Amerells, der die beiden nimmermüden Jungspunde Rik und Joshua für ihren Einsatz an der Bahn mit einem kleinen Geschenk bedachte. 

Frankfurt und Ebersberg ließen den Abend gemeinsam ausklingen... in einer Tiroler Bauernstube. Die dort dargebotenen Sangeskünste eines der der feinen Gäste sorgten zum einen für Erheiterung. Zum anderen für Kopfschmerzen...

Es ist Sonntag der 18.Mai, ein scheinbar freundlicher Tag kündigt sich an. Die Sonne strahlt über Berlin, bestes Rennwetter scheint sich abzuzeichnen. Oder? In der Ferne ziehen allerdings erste dunkle Wolken über Brandenburg auf... doch uns Indoorpiloten sollte das nicht stören. Im Gegensatz zu den großen Vorbildern brauchen wir den Regen nicht zu fürchten. Keine rote Flagge wird uns behindern können...

Pünktlich geht die erste Gruppe inklusive unserer beiden Junioren auf die nun 6x6min dauernde erste Finalrunde. Und siehe da, eine Nacht Schlaf sorgt für verwunderte Blicke der Zuschauenden. Das befürchtete Chaos in der nun schon mehrfach erwähnten Passage bleibt weitesgehend aus. Vielmehr werden begeisternde Duelle um die Plätze dargeboten, Kopf an Kopf drehen die beiden Dreikäsehochs und ihre beiden "großen" Gegner ihre Runden. Letztlich sollte sich in der Juniorenwertung Joshua Knobloch mit einer knappen halben Runde gegen Rik Lachmann durchsetzen.
Die weiteren Gruppen waren mit 6 Startern jeweils voll besetzt... die zweite brachte u.a. das Damenduell und den Berliner Zweikampf. Inklusive des eigentlich heimlichen Favoriten des Vorfeldes, Andrè Müller. Doch der Leipziger haderte das ganze Wochenende wie einige andere auch mit sich selbst und der Bahn und kam leider nie in Rechweite der Spitze. Langjährige Erfahrung ließ Rita Kasch auf dem schwierigen Geläuf den Sieg bei den Damen davontragen, auch in der Gesamtwertung reichte es zu einer soliden Mittelfeldplatzierung.
Die dritte Gruppe war dann fast ausnahmlos komplett Ü30, alte Sä..., ähm, Hasen unter sich. Plus dem für ein wenig Internationalität sorgenden Junioren Julian Buchner (AUT/GER). 2x Frankfurt-Griesheim gegen den Rest der Republik war angesagt. Und die am Vortag noch ziemlich mißmutigen Mienen der Protagonisten hellten sich von Runde zu Runde auf. Mit der Erfahrung des Qualirennens, das jeder Fehler noch mehr als anderswo verheerend sein kann, blieben Abflüge nahezu aus. Schließlich setzte sich der "ewige Bastler" Harald Mieth gegen den Rest des Feldes durch. Schlußendlich bedeutete dies Platz 4... und ihm gebührt der Titel "Rookie des Jahres". Naja, der und Rookie... *grins*. 
Mt Spannung erwartet, gingen nun die schnellsten Qualifikanten ins Rennen. Zu den schon genannten gesellten sich noch der Anklamer Birger Ernst und der Kasseler Nachwuchsstar Markus Mazet. Drei Teens gegen drei Routiniers, wer sollte sich durchsetzen? Schon bald zeigte sich, das die vorhergehende Gruppe ein hohes Tempo gegangen sein muß. Die Rundenzahlen brachten dies deutlich zur Sprache. Allmählich forcierte aber eine Dreiergruppe das Tempo und setzte sich von der anderen Hälfte des Feldes ab. Die auch hier wieder zu beobachtenden Rundenzeiten Robert Pannickes sorgten für anerkennendes Erstaunen der Zuschauer, letztlich sorgte sein schneller Fahrstil trotz einiger Abflüge für einen knappen Start-Ziel-Sieg. Nur wenige Teilstriche dahinter fuhr Tobias Münchberger auf den zweiten Rang, dichtauf gefolgt vom hochzufriedenen Matthias Eichwald. Der damit eine Frankfurter Dreierschar anführte, welche den Titel des besten Vereins erringen sollte. 
Bezeichnenderweise ist das Siegerfahrzeug ein Ford Taurus älteren Jahrgangs... und mit 135g noch dazu das zweitschwerste. Respekt!

Fünfte DSNM und nach Philip Schulte, Fabian Luther, Stefan Waschow und Frank Schüler der fünfte Sieger. Für den hochgewachsenen Robert Pannicke, der übrigens auch als Bowlingspieler eine große Zukunft hat, endlich der hochverdiente Lohn nach einer fast beispiellosen Pechsträhne in den Vorjahren. In der Mixtur Jugend gegen Alt hat sich wieder einmal der Nachwuchs durchgesetzt, eine immer wieder zu beobachtende Entwicklung unseres Hobbys. 

Die Siegerehrung bescherte, neben den den Pokalen für die drei erstplazierten, jedem der FahrerInnen schöne Sachpreise aus dem Hause Scalextric. Bedacht mit launigen Sprüchen über die Bühne gehend, gab es für jeden gebührenden Applaus. Abschließend eine nette Dankesrede an die Adresse der Renncenterbetreiber, welche übrigens erstmals einen Event dieser Größenordnung durchführten und dies mit Bravour gelang... und ein weiteres Kapitel der NASCAR-DM ist Geschichte.

Gerüchten zufolge stehen die Austragungsorte der kommenden Jahre ebenfalls schon fest. 2009 soll im fränkischen Wendelstein um den Meistertitel gerannt werden, ein Jahr später folgt höchstwahrscheinlich Frankfurt/Main. Zu hoffen bleibt, das Scalextric wieder neue V8-Boliden auflegen wird. Mittlerweile hat sich bei den Originalen einiges getan. Nicht nur, das mit dem Toyota Camry erstmals in der NASCAR-Geschichte ein japanischer Wagen im Startfeld ist, auch optisch haben sich die 1,6Tonner verändert. Heckspoiler ähnlich denen der hiesigen DTM-Fahrzeuge und eine bis auf markentypische Merkmale identische Karosserieform stellten das gewohnte Bild auf den Kopf.
Wenn man bedenkt, das auch seitens Carrera und SCX optisch überzeugende Amischlitten produziert werden, könnte man fast über eine Integration dieser Slotcars nachdenken...

Ergebnis:

1. Robert Pannicke (L), 136,69 Runden
2. Tobias Münchberger (EBE), 136,24
3. Matthias Eichwald (F), 135,68
4. Harald Mieth (F), 134,27
5. Frank Schüler (F), 133,60
6. Birger Ernst (ANK), 132,20
7. Julian Buchner (EBE), 131,93
8. Markus Mazet (KS), 130,71
9. René Kasch (ANK), 130,61
10. Henry Köhn (ANK), 128,64
14. Rita Kasch (ANK), 122,99
17. Joshua Knobloch (KS), 118,21